Freitag, 3. August 2012

Midas Amour Teil 3


Skulduggery, Tanith, Walküre und Fletcher erschienen in der ausladenden Empfangshalle von Midas’ Villa. Ein Gewirr von Menschen stand oben an der Treppe. China stand unten an der Treppe und beobachtete sie sorgfältig.
„China, wie schön, dich zu sehen. Was könntest du wohl an einem Ort wie diesem hier suchen?“, fragte Skulduggery und seine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Auch ein Vergnügen, dich zu sehen“, entgegnete China kühl. „Um auf deine Frage einzugehen, ich wurde hierher eingeladen, Midas wollte mich beeindrucken mit dem… ach, wie nannte der schmuddelige, kleine Mann es… dem Cumhachtach. Für ihn war es der Gipfel seiner Karriere, er war sicher, dass diese Entdeckung, natürlich ihm zugeschrieben, ihm die Position im Ältestenrat zusichern würde. Ich hege keine Zweifel, dass es so gekommen wäre, aber dem Mann war das nicht genug, er musste ja damit angeben. Jetzt ist er tot. Ich vermute, daraus kann man eine Lehre ziehen, aber was mich angeht, hab ich keine Ahnung, welche…“
Walküres Augenbrauen hoben sich. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie daraus eine Lehre ziehen konnte. Lade niemals deine schlimmsten Feinde zum Abendessen ein und erwarte, dass sie dich nicht umbringen, war definitiv die am nächsten gelegene und offensichtlichste Moral hier.
„Wo ist die Leiche?“, fragte Skulduggery.
„In seinem Pokalzimmer, auf den ersten Blick würde ich sagen, er hatte etwas zu tief ins Weinglas geguckt, jemand hat ihn niedergeschlagen und sich dann selbst zu einigen Artefakten verholfen.“
„Artefakte? Mehr als eins?“, fragte Tanith. China nickte.
„Das hast du am Telefon gar nicht erzählt“, sagte Skulduggery. China hob diskret eine Augenbraue.
„Ich fand es als Überraschung schöner.“
Tanith seufzte und schüttelte den Kopf, doch Skulduggery zeigte keine Reaktion.
„Kommt schon, ich bringe euch zur Leiche unseres lieben Freunds Midas.“
China drehte sich um und ging los, alle setzten sich hastig in Bewegung, um ihr zu folgen. Sogar Fletcher, der etwas unsicher auf den Füßen war, nachdem er so viele Leute über eine größere Distanz transportiert hatte. Walküre lächelte ihm flüchtig zu. Er sah müde aus.
Der Raum, in dem man Midas Leiche gefunden hatte, war mehr wie ein Saal. In ihm waren Figuren, Artefakte und Bücher aufgereiht. Jedes Stück hatte eine Art Etikett an sich. Walküre betrachtete einige davon.
„Seltener, schwarzer Kristall, aus einem Schwertknauf gehebelt; beide auf die Ära der Urväter datiert“, las sie vor.
Skulduggery sah sie finster an. Sie zuckte die Schultern. Sie hatte kein Bedürfnis, sich Midas’ Leiche aus nächster Nähe zu betrachten, also schwebte sie durch den Raum und schaute, was die Regale und Podeste beinhalteten.
Sie nahm sich ein großes Buch und schlug es auf.
Obwohl das Zepter der Urväter das wohl bekannteste Fundstück ist, glauben viele Gelehrte, dass die Urväter mehr als diese eine Waffe gebaut haben, um die Gesichtslosen zu besiegen. Den Beweis lieferten beschädigte und nicht funktionierende Artefakte, die im letzten Jahrhundert ausgegraben wurden. Alle scheinen von derselben Sorte schwarzer Kristalle gespeist zu werden, wie das Zepter der Urväter einen haben soll. Dies liefert auch eine besser Erklärung dafür, wie der Krieg, der unter den Urvätern wütete, nachdem sie ihre Götter gestürzt hatten, so zerstörerisch sein konnte und schließlich im Aussterben ihrer Rasse sein Ende fand…
Walküre schlug das Buch zu und drehte es, um den Namen des Autors zu lesen. Brynhild Nosferatu. Laut dem Text hinten im Buch war sie eine Gelehrte und Archäologin, die sich auf die Studien über die Urväter spezialisiert hatte. Walküre speicherte das als interessant ab und blätterte ein anderes, zufälliges Kapitel auf.
… dennoch hätte dies verursacht werden können durch zwei defekte Artefakte, die aufeinander reagierten und ein großes Energiefeld erzeugten, groß genug, um die massive Explosion zu verursachen, über die noch heute berichtet wird. Viele Archäologen berichteten, dass zwei oder mehrere Artefakte zunächst defekt erscheinen, auf die Anwesenheit des jeweils anderen reagieren, indem sie hell aufleuchten. Viele spekulieren, dass die Explosion von einem Artefakt ausgelöst wurde, dass sich aktiviert hat und nicht nur reagierte. Natürlich existiert immer noch die alte Verschwörungstheorie, das Sanktuarium trage die Schuld an allem…
„Sie ist hier“, ertönte Chinas Stimme. Walküre sah auf.
„Hä?“
„Du bist ja äußerst redegewandt.“ China schüttelte den Kopf. Walküre funkelte sie an.
„Wer ist hier?“, fragte Walküre. China lächelte.
„Brynhild Nosferatu. Sie ist, akademisch gesehen, eine von Midas’ größten Konkurrentinnen. Sagt, die meisten seiner Funde sind nachgemacht. Es ist faszinierend ihr zuzuhören, wenn sie sich in Rage redet. Sie hat vorhin eine kleine Szene verursacht. Hat Midas mit einem Glas Wein im Gesicht erwischt, und auch noch Rotwein. Sein hübsche, weißes Hemd war herrlich besudelt.“
Walküre gluckste zusammen mit China. China zog ein weiteres Buch hervor und gab es Walküre.
„Das ist von Nighttide Ire, eine weitere Größe in den Studien der Urväter. Sie ist auch hier“, sagte China. Walküre hob die Augenbrauen.
„Weißt du viel über die Leute hier?“, fragte sie. Sie wollte wissen, was für Menschen Midas zu seinen größten Rivalen zählte.
China brummte und legte den Kopf schief.
„Naja, dann ist da noch Imperio Quis, ziemlich still. Aber etwas fanatisch auf dem Gebiet des Feminismus. Sie hasst Midas und hat weiß Gott wie viele Frauen vertreten, die ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt haben.“
„Also ist sie eine Anwältin?“
„Keine Anwältin im klassischen Sinne, aber so nah, wie man an eine herankommen kann. Sie solltet ihr im Auge behalten, sie hat Leute hinter sich, mächtige Personen setzen auf sie. Mich würde es nicht wundern, würde sie die andere Stelle im Ältestenrat beziehen“, erklärte China.
„Sie klingt zwielichtig“, sagte Walküre.
„Überhaupt nicht. Überraschenderweise laufen alle ihre Geschäfte offen ab. Machen wir weiter, wir haben noch Ivy Blake. Ob du’s glaubst oder nicht, ich weiß kaum etwas über sie. Wer auch immer sie ist, sie ist viel in der Welt herumgekommen. Man sagte mir, sie sei eine Stellvertreterin. Jemand hat sie hergeschickt, weil sie nicht selber kommen konnten.
Und genauso der Mann namens Leskow Eben. Leskow ist mir auch relativ unbekannt. Trotzdem vertreten beide mächtige Männer. Die Männer, die sie angeblich vertreten, sind fast so mächtig wie Midas und haben sich regelmäßig zusammengeschlossen, um ein paar heftige feindliche Übernahmen aufzuhalten. Ihre Namen sind nicht wichtig. Wie auch immer, sie haben Verbindung zu Imperio Quis, sie vertritt sie vor Gericht. Sie erzielte letztes Jahr einen Meilensteinsieg…“
China unterbrach sich und sah zu Skulduggery. Er stand bei Midas’ Leiche. Fletcher und Tanith waren außer Sichtweite.
„Wo…“, begann Walküre, doch China schnitt ihr das Wort ab.
„Bewachen die Verdächtigen. Skulduggery wartet doch auf Kenspeckle, oder?“
Walküre nickte. China schloss die Augen.
„Wer ist noch hier?“ Walküre wollte mehr über die Verdächtigen erfahren.
„Nun, wenn wir von unseren zwei Unbekannten weitergehen, haben wir Nighttide Ire. Manche ihrer Werke sind bis in meine Privatsammlung gelangt, wenn du heute Nacht die Muße dazu findest, dann les mal eines ihrer Bücher. Wenn nicht, hab ich ein Exemplar, das du dir dann ausleihen kannst. Kurz, sie ist gut. Eine führende Expertin auf ihrem Gebiet. Aber Midas hat sich ihre Grabungsrechte durch Bestechungen angeeignet, wenn sie anfängt zu graben, kannst du fast sicher sein, dass dort etwas ist. Midas hat das jahrelang als Indikator benutzt.“
„Ich glaube, ich würde ihm die Birne einhauen, wenn er so was mit mir machen würde.“
China lachte.
„Fürwahr, Walküre, Fürwahr, dennoch hörte ich von einer Bewegung im Gerichtshof, die einige Entdeckungen, die Midas zugeschrieben wurden, an sich nehmen und ihr zukommen lassen wollen. Jetzt, da er tot ist, könnte es durchkommen.“
Walküre sah angeekelt auf die Leiche. Er hatte so viele Menschen so vielfältig verletzt. Wie konnte er nachts ruhig schlafen?
„Als nächstes haben wir die tödliche Liliana Pitchblack. Reich, verschlossen und, vor fünf Jahren, mit Midas verheiratet. Die arme Frau muss sich den Kopf angeschlagen haben oder so. Sie kam aber wieder zur Besinnung und trennte sich von ihm. Midas war außer sich. Die Leute begegnen ihm nur sehr selten so, was die Sache vermutlich noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass sie genauso mächtig ist wie er. Er kann sie mit nichts belangen, weder legal noch illegal, sein Lieblingstrick ist es, das Gesetz gegen seine Opfer einzusetzen, doch Lilianas ist alt und ihre Freunde und Verbündeten beschützten sie gegen seine Angriffe. Ehrlich gesagt, war ich etwas überrascht, dass sie heute Abend erschienen ist.“
„Sie könnte erschienen sein, um ihn zu töten“, wies Walküre hin.
„Könnte sein, ich will ihr nichts anhängen. Ich hab sie einmal getroffen, sie ist nicht die beste Gesellschaft, wenn du es schnell mit der Angst zu tun bekommst. Aber es folgen noch mehr Verdächtige. Iko Devian. Er ist der Sohn eines ehemaligen Ältesten, vor deiner Zeit. Wie auch immer, er hatte diese Sandkastenliebe, ihr Name fällt mir grade nicht ein. Sie wären so verliebt, bäh, mir wurde fast schlecht, wann immer ich die beiden zusammen sah. Midas war krankhaft eifersüchtig, er nahm ihm aus purer Bosheit das Mädchen mit seinem Zauber weg. Iko war niedergeschmettert. Das Mädchen rannte weg. Sie wurde nie wieder gesehen, schlimme Gerüchte behaupten, sie sei umgebracht worden, aber sie gehen darüber auseinander, wer sie umgebracht hat. Iko oder Midas. Ich wette, sie wollte keinem von beiden begegnen und rannte einfach weg.“
Walküre schüttelte den Kopf.
„Das… Wie ist er damit so lange davongekommen? Und warum bist du so nett?“
„Er ist reich und mächtig, so ist er damit davongekommen. Zu deiner zweiten Frage, ich bin nicht nett, ich bin hilfreich. Ich hab’s nicht getan, aber ich will in dem Fall unter gar keinen Umständen verdächtigt werden“, entgegnete sie. Walküre zuckte die Schultern. Mit so was in der Art hatte sie als Antwort gerechnet.
„Belligerent Crown, er will zu dem Artefakt. Er will es studieren und ich könnte mir leicht vorstellen, dass er Midas umbringen würde, um es zu bekommen. Er ist tödlich, Walküre, und er benutzt Bindemagie. Wenn du im Kampf an ihn gerätst, lauf. Lauf wie nichts Gutes und hoffe, dass er dich nicht interessant genug findet, um dir zu folgen.“
Walküre schauderte. Chinas Augen waren weit weg und Walküre fragte sich, ob die beiden sich in der Vergangenheit wohl schon öfter begegnet waren.
„Der nächste Verdächtige?“, fragte Walküre.
„Brynhild Nosferatu, ähnlich wie Nighttide Ire. Midas hat ihre Ausgrabungen gestohlen und ihren Ruhm eingeheimst. Er hätte ihre Karriere fast ruiniert. Sie hatte ihm vorhin eine Szene gemacht, der Grund, weshalb Midas die Party verlassen hatte. Um sein Hemd zu wechseln.“ China prustete, zum ersten Mal.
„Dann haben wir Loki Lyon. Du kennst vermutlich den Mann, der unter ihr trainierte, Remus Crux?“ China sah Walküre an und feixte.
„Sie war die alte Sanktuariumsdetektivin. Zusammen mit Quis hätten sie Midas um ein Haar drangekriegt, aber ich vermute, Sagacious Tome hat ein Schmiergeld von Midas angenommen, um Loki zu feuern und Remus zu befördern. Loki war hundertmal besser als Remus, sie konnte den Täter finden, den echten, ganz gleich, wie umständlich die Suche war. Sie hat Glück, dass Midas sie nicht hat umbringen lassen… so wie die Ehefrau unseres nächsten Verdächtigen.“
„Ehefrau? Wer ist denn der nächste?“
„Unser letzter Verdächtiger auf der Liste ist Dante Infernalis. Netter Typ. Er hat einen tollen Job und vor ein paar Jahren hatte er die Enkelin von Morwenna Crow geheiratet, der Ältesten, die Nefarian getötet hat. Jedenfalls Midas, seiner Form getreu, hat sie Dante weggenommen und weggeworfen. Unglücklicherweise versuchte sie, ihn im Niedergang zu erpressen… also ließ er sie töten. Ich weiß nicht, wer es getan hat, aber ich weiß, wer es wissen könnte.“
„Wer?“, fragte Walküre.
„Das ist geheim. Ich rede Klartext, Walküre. Ich will seine Sammlung. Wenn ich nichts tue, wird sie einem Museum gegeben und er wird dafür verehrt. Aber, wenn ich genug Beweise sammle, dass er ein Hochstapler war, konnte ich mehrere Anklagen gegen ihn vorbringen. Seine Schätze werden verkauft werden und ich gehe hin und kauf mir den Kram. Einfach? Wenn überhaupt, muss ich zuerst seinen Mörder hinter Schloss und Riegel bringen.“
Walküre wollte gerade den Mund öffnen, als Kenspeckle hereingestürmt kam.
„Entschuldigt, ich bin spät dran, der Verkehr war furchtbar.“


Teil 4 folgt nächsten Freitag.