Freitag, 13. Juli 2012

Die letzten Stunden des Midas Amour (von Loki Silvertongue)


Kapitel 1

Es war fast drei Uhr nachts, als Thurid Guild endlich damit fertig war, die beiden anzuschreien, weil sie einen seiner Gehilfen wegen Korruption festgenommen hatten. Walküre fand, er hätte ihr eine Medaille verleihen sollen. Immerhin hatten sie den Mann erwischt, wie er vertrauliche Dokumente in ein Flugzeug nach Amerika schmuggeln wollte.
Das Amerikanische Sanktuarium hatte immer nach einem Weg gesucht, die Knotrolle über das Irische Sanktuarium zu übernehmen. Genau wie so ziemlich jedes andere Sanktuarium der Welt. Irland war die Wiege der Magie. Die Macht darüber zu haben würde jedem immensen Einfluss sichern. Das war wohl einer der Gründe, dachte Walküre, dass Skulduggery so wütend darüber war, dass Thurid Guild sich noch keinen weiteren Ältesten gewählt hatte, um die Macht zu teilen.
Das und die Tatsache, dass Skulduggery ihn schlichtweg nicht mochte. Das war auch kein Wunder, Thurid Guild war nicht gerade ein sympathischer Mann. Kompetent in der Politik, ohne Zweifel, aber der Mann hatte einfach keinen Funken Charme oder Charisma.
Walküre unterbrach ihre Überlegung, als Skulduggery stehen blieb und einen jungen Mann anstarrte, der auf sie zugetreten war. Walküre studierte sein Gesicht. Er schwitzte nervös.
„Ähm, ich soll Sie informieren, dass mein Meister Sie sprechen will“, seine Stimme war dünn und hohl. Walküre starrte ihn an. Das konnte er doch wohl besser?
„Oh, wirklich?“, fragte Skulduggery. Er tat, als dächte er nach.
„Ich will deinen Meister nicht treffen.“ Ohne weitere Umschweife schob Skulduggery sich an ihm vorbei und ging weiter zum Ausgang. Er war schon fast angekommen, als der Bote ihn zurückrief.
„Mein Meister ist Midas Amour, niemand schlägt eine Einladung von ihm aus!“
Walküre fand es fast schien komisch, seine Stimme überschlug sich vor Wut und Empörung. Hatte er tatsächlich Skulduggerys Ablehnung als Beleidigung angesehen? Ein Blick ins Gesicht des Boten bestätigte die Annahme und Walküre musste sich selbst ermahnen, dass Kichern sich in so einem Moment nicht schickte. Skulduggery war vollkommen verstummt.
„Sag Midas, dass ich ihn treffen werde“, sagte er. Walküre war überrascht. Wer war Midas Amour? Sie fragte Skulduggery.
„Ein äußerst einflussreicher, charismatischer, reicher und nicht sehr netter Mann. Er wird überdies auch als Kandidat für Guilds Ältestenrat gehandelt…“, rief Skulduggery, während sie dem Boten zum Treffpunkt folgten, den Midas ausgesucht hatte.
„Ich frag mich, was er von dir wollen könnte“, sagte Walküre als sie scharf nach links abbogen und von der Route zu Guilds Büro abwichen.
„Ich frag mich das auch, deswegen gehen wir ja hin“, entgegnete Skulduggery.
„Du sprichst schon wieder das Offensichtliche aus, es ist wirklich traurig mit dir“, zog Walküre ihn auf. Skulduggery sah sie an.
„Es ist traurig, dass das Offensichtliche ausgesprochen werden musste, Walküre.“
Sie schnaufte und folgte weiter dem Boten.
„Schmollst du jetzt?“, fragte Skulduggery. Walküre warf ihm einen Blick zu.
„Ja“, sagte sie. Bevor Skulduggery noch eine kluge Bemerkung machen konnte, erreichten sie ihr Ziel. Der Bote drehte sich um und sah sie an.
„Mein Meister ist hier drinnen. Er hat Ihnen ein Angebot zu machen. Mein Meister ist ein einflussreicher Mann, ich schlage vor, Sie hören ihm genau zu.“ Anscheinend hatte der Bote sich ein Rückgrat zugelegt und er grinste leicht. Walküre hasste das Grinsen sofort, es gab ihr das Bedürfnis, ihm ins Gesicht zu schlagen.
Der Bote öffnete die Tür für sie. Drinnen saß ein gut gebauter Mann an einem Schreibtisch. Er hatte blondes Haar und trug einen schicken Anzug. Walküre spürte, wie sie rot wurde. Er war schön, ein Kunstwerk. Sie fühlte, dass sie bei diesem Mann sein musste oder sterben würde.
Es schlich sich der Gedanke ein, dass sie sich schon einmal so gefühlt hatte. Als sie China das erste Mal getroffen hatte, sie blinzelte den Nebelschleier etwas weg und versuchte, sich zu konzentrieren. Es war schwierig, doch jedes Mal, wenn sie bei ihm sein wollte, erinnerte sie sich daran, dass es nur ein Trick war. Ungefähr fünf Minuten lang herrschte Stille.
„Wusstest du, Midas, dass Zauberringe vor ein paar Jahren verboten wurden?“, fragte Skulduggery. Midas errötete und die merkwürdige Wirkung auf Walküre verschwand.
„Ich hab dich nicht hergerufen, um mir deine Frechheiten anzuhören, Skelett“, knurrte er. Sogar wenn er knurrte war seine Stimme volltönend und tief, es war sehr offensichtlich, warum dieser Mann so einflussreich war.
„Warum hast du uns dann hergerufen, Midas?“ Walküre runzelte die Stirn, jetzt, da ihr Geist von seinem Zauber befreit war, fiel ihr auf, dass Skulduggery seinen Namen nur ganz leicht betonte. Sie beobachtete Midas gründlich, sein Kiefer war angespannt.
„Heute Abend feiere ich eine Party. Nur eine kleine, ich habe alle meine Kritiker eingeladen. Ich will ihnen meine volle Stärke demonstrieren“, erklärte Midas.
„Ach, diese Kritiker könnten deine Karriere als Thurid Guilds neuer Ältester verhindern, hab ich Recht?“, fragte Skulduggery.
„Du hast Recht. Wie auch immer, es kam mir zu Ohren, dass diese Leute eine Art Angriff auf mich verüben könnten. Vielleicht sogar einen Mordversuch. Das waren allerdings schlimme Neuigkeiten für mich. Solch ein Fiasko könnte ich jetzt absolut nicht gebrauchen.“ Er schwieg und sah Skulduggery an.
„Du hast jetzt erst gemerkt, dass dein Leben in Gefahr sein könnte, wenn du dich in einen Raum mit allen deinen schlimmsten Feinden begibst?“, fragte Walküre neugierig. Midas Gesicht wurde rot, doch er antwortete nicht.
„Ein klassisches Beispiel deiner Arroganz, Midas“, bemerkte Skulduggery trocken. Midas’ Gesicht wurde noch dunkler rot.
„Genug, Skelett. Ich rede geschäftlich mit dir, ich lasse mich nicht verspotten“, zischte Midas. Walküre verdrehte die Augen.
„Nun gut, rede weiter“, sagte Skulduggery. Midas starrte ihn böse an, eindeutig genervt von seiner schnodderigen Art, bevor er fortfuhr.
„Wenn ihr da wärt, würde das unerwünschtes Benehmen im Keim ersticken. Mit euch vor Ort wüssten sie, dass sie niemals einfach so davon kommen werden. Deshalb möchte ich euch beauftragen, nennt mir euren Preis. Ich werde ihn schon zahlen können“, schloss er.
Skulduggery sah ihn an.
„Nein“, sagte er einfach.
„Nein?“, fragte Midas verblüfft. Skulduggery nickte.
„Du hast richtig gehört, nein. Ich tu’s nicht“, erwiderte er. Midas starrte ihn an und sagte nichts.
„Ist das dann alles?“
Midas wiederholte sein Angebot.
„Du siehst nicht allzu gut aus, Midas, mein alter Freund“, sagte Skulduggery fröhlich. Aus Midas’ Gesicht war alle Farbe gewichen, sogar seine Lippen waren blass. Skulduggery zuckte mit den Schultern und ging zur Tür.
„Das wirst du bereuen, Skelett.“ Ein Flüstern, doch es verriet Midas’ Zorn. Seine Augen zuckten hoch, erschreckend blaue Augen, und er sah Skulduggery an.
„Ich denke nicht, dass ich das werde. Lebwohl!“
Damit gingen sie. Skulduggery setzte Walküre in der Nähe ihres Hauses ab und fuhr weg. Er hatte eine seltsame Laune. Trotzdem tat sie es ab. Es war immer noch Skulduggery.

Später

Walküre wurde von jemandem wachgerüttelt. Sie schlug der Person ins Gesicht, sie flog rückwärts. Es gab ein gedämpftes „Umpf“. Walküre kletterte aus dem Bett und trat vorsichtig näher.
„Fletcher?“
Der Junge sah sie wütend an und umklammerte seine jetzt blutende Nase.
„Musstest du mich schlagen?“, zischte er. Walküre zog ihn auf die Füße und seufzte.
„Tut mir Leid, okay? Du hast mich überrascht“, erklärte sie flüsternd. Fletcher sah sie lange an, bevor er sie kurz auf die Lippen küsste. Sie lächelte ihn an.
„Hör zu, so sehr ich auch den Anblick genieße, du musst dich anziehen. Skulduggery hat mich geschickt, um dich zu holen.“
Walküre blinzelte, sah an sich herunter und bemerkte, dass sie Boxershorts und ein Tanktop trug.
„Äh, gut, aber verschwinde für ein paar Minuten, okay?“ Fletcher nickte und verschwand.
Sie tauchten im Hinterzimmer von Grässlichs Laden wieder auf. Tanith stand in der Ecke und sah aus, als wäre sie noch im Halbschlaf. Grässlich saß Skulduggery gegenüber, beide waren still.
„Hey Wally“, gähnte Tanith. Walküre grinste sie an, doch bevor sie etwas sagen konnte, wurde sie von Skulduggery unterbrochen.
„Es scheint, unser Freund, Midas Amour, hat vorhin die Wahrheit gesagt. Sein Leben ist in Gefahr gewesen.“
„Oh, was ist passiert?“, fragte Walküre, obwohl sie es schon ahnte.
„Er ist tot. China hat es uns vor einer Stunde am Telefon erzählt. Sie will, dass wir ermitteln.“



Kapitel 2 am nächsten Freitag!

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