Kapitel 1
Es war fast drei Uhr nachts, als Thurid
Guild endlich damit fertig war, die beiden anzuschreien, weil sie
einen seiner Gehilfen wegen Korruption festgenommen hatten. Walküre
fand, er hätte ihr eine Medaille verleihen sollen. Immerhin hatten
sie den Mann erwischt, wie er vertrauliche Dokumente in ein Flugzeug
nach Amerika schmuggeln wollte.
Das Amerikanische Sanktuarium hatte
immer nach einem Weg gesucht, die Knotrolle über das Irische
Sanktuarium zu übernehmen. Genau wie so ziemlich jedes andere
Sanktuarium der Welt. Irland war die Wiege der Magie. Die Macht
darüber zu haben würde jedem immensen Einfluss sichern. Das war
wohl einer der Gründe, dachte Walküre, dass Skulduggery so wütend
darüber war, dass Thurid Guild sich noch keinen weiteren Ältesten
gewählt hatte, um die Macht zu teilen.
Das und die Tatsache, dass Skulduggery
ihn schlichtweg nicht mochte. Das war auch kein Wunder, Thurid Guild
war nicht gerade ein sympathischer Mann. Kompetent in der Politik,
ohne Zweifel, aber der Mann hatte einfach keinen Funken Charme oder
Charisma.
Walküre unterbrach ihre Überlegung,
als Skulduggery stehen blieb und einen jungen Mann anstarrte, der auf
sie zugetreten war. Walküre studierte sein Gesicht. Er schwitzte
nervös.
„Ähm, ich soll Sie informieren, dass
mein Meister Sie sprechen will“, seine Stimme war dünn und hohl.
Walküre starrte ihn an. Das konnte er doch wohl besser?
„Oh, wirklich?“, fragte
Skulduggery. Er tat, als dächte er nach.
„Ich will deinen Meister nicht
treffen.“ Ohne weitere Umschweife schob Skulduggery sich an ihm
vorbei und ging weiter zum Ausgang. Er war schon fast angekommen, als
der Bote ihn zurückrief.
„Mein Meister ist Midas Amour,
niemand schlägt eine Einladung von ihm aus!“
Walküre fand es fast schien komisch,
seine Stimme überschlug sich vor Wut und Empörung. Hatte er
tatsächlich Skulduggerys Ablehnung als Beleidigung angesehen? Ein
Blick ins Gesicht des Boten bestätigte die Annahme und Walküre
musste sich selbst ermahnen, dass Kichern sich in so einem Moment
nicht schickte. Skulduggery war vollkommen verstummt.
„Sag Midas, dass ich ihn treffen
werde“, sagte er. Walküre war überrascht. Wer war Midas Amour?
Sie fragte Skulduggery.
„Ein äußerst einflussreicher,
charismatischer, reicher und nicht sehr netter Mann. Er wird überdies
auch als Kandidat für Guilds Ältestenrat gehandelt…“, rief
Skulduggery, während sie dem Boten zum Treffpunkt folgten, den Midas
ausgesucht hatte.
„Ich frag mich, was er von dir wollen
könnte“, sagte Walküre als sie scharf nach links abbogen und von
der Route zu Guilds Büro abwichen.
„Ich frag mich das auch, deswegen
gehen wir ja hin“, entgegnete Skulduggery.
„Du sprichst schon wieder das
Offensichtliche aus, es ist wirklich traurig mit dir“, zog Walküre
ihn auf. Skulduggery sah sie an.
„Es ist traurig, dass das
Offensichtliche ausgesprochen werden musste, Walküre.“
Sie schnaufte und folgte weiter dem
Boten.
„Schmollst du jetzt?“, fragte
Skulduggery. Walküre warf ihm einen Blick zu.
„Ja“, sagte sie. Bevor Skulduggery
noch eine kluge Bemerkung machen konnte, erreichten sie ihr Ziel. Der
Bote drehte sich um und sah sie an.
„Mein Meister ist hier drinnen. Er
hat Ihnen ein Angebot zu machen. Mein Meister ist ein einflussreicher
Mann, ich schlage vor, Sie hören ihm genau zu.“ Anscheinend hatte
der Bote sich ein Rückgrat zugelegt und er grinste leicht. Walküre
hasste das Grinsen sofort, es gab ihr das Bedürfnis, ihm ins Gesicht
zu schlagen.
Der Bote öffnete die Tür für sie.
Drinnen saß ein gut gebauter Mann an einem Schreibtisch. Er hatte
blondes Haar und trug einen schicken Anzug. Walküre spürte, wie sie
rot wurde. Er war schön, ein Kunstwerk. Sie fühlte, dass sie bei
diesem Mann sein musste oder sterben würde.
Es schlich sich der Gedanke ein, dass
sie sich schon einmal so gefühlt hatte. Als sie China das erste Mal
getroffen hatte, sie blinzelte den Nebelschleier etwas weg und
versuchte, sich zu konzentrieren. Es war schwierig, doch jedes Mal,
wenn sie bei ihm sein wollte, erinnerte sie sich daran, dass es nur
ein Trick war. Ungefähr fünf Minuten lang herrschte Stille.
„Wusstest du, Midas, dass Zauberringe
vor ein paar Jahren verboten wurden?“, fragte Skulduggery. Midas
errötete und die merkwürdige Wirkung auf Walküre verschwand.
„Ich hab dich nicht hergerufen, um
mir deine Frechheiten anzuhören, Skelett“, knurrte er. Sogar wenn
er knurrte war seine Stimme volltönend und tief, es war sehr
offensichtlich, warum dieser Mann so einflussreich war.
„Warum hast du uns dann hergerufen,
Midas?“ Walküre runzelte die Stirn, jetzt, da ihr Geist von seinem
Zauber befreit war, fiel ihr auf, dass Skulduggery seinen Namen nur
ganz leicht betonte. Sie beobachtete Midas gründlich, sein Kiefer
war angespannt.
„Heute Abend feiere ich eine Party.
Nur eine kleine, ich habe alle meine Kritiker eingeladen. Ich will
ihnen meine volle Stärke demonstrieren“, erklärte Midas.
„Ach, diese Kritiker könnten deine
Karriere als Thurid Guilds neuer Ältester verhindern, hab ich
Recht?“, fragte Skulduggery.
„Du hast Recht. Wie auch immer, es
kam mir zu Ohren, dass diese Leute eine Art Angriff auf mich verüben
könnten. Vielleicht sogar einen Mordversuch. Das waren allerdings
schlimme Neuigkeiten für mich. Solch ein Fiasko könnte ich jetzt
absolut nicht gebrauchen.“ Er schwieg und sah Skulduggery an.
„Du hast jetzt erst gemerkt, dass
dein Leben in Gefahr sein könnte, wenn du dich in einen Raum mit
allen deinen schlimmsten Feinden begibst?“, fragte Walküre
neugierig. Midas Gesicht wurde rot, doch er antwortete nicht.
„Ein klassisches Beispiel deiner
Arroganz, Midas“, bemerkte Skulduggery trocken. Midas’ Gesicht
wurde noch dunkler rot.
„Genug, Skelett. Ich rede
geschäftlich mit dir, ich lasse mich nicht verspotten“, zischte
Midas. Walküre verdrehte die Augen.
„Nun gut, rede weiter“, sagte
Skulduggery. Midas starrte ihn böse an, eindeutig genervt von seiner
schnodderigen Art, bevor er fortfuhr.
„Wenn ihr da wärt, würde das
unerwünschtes Benehmen im Keim ersticken. Mit euch vor Ort wüssten
sie, dass sie niemals einfach so davon kommen werden. Deshalb möchte
ich euch beauftragen, nennt mir euren Preis. Ich werde ihn schon
zahlen können“, schloss er.
Skulduggery sah ihn an.
„Nein“, sagte er einfach.
„Nein?“, fragte Midas verblüfft.
Skulduggery nickte.
„Du hast richtig gehört, nein. Ich
tu’s nicht“, erwiderte er. Midas starrte ihn an und sagte nichts.
„Ist das dann alles?“
Midas wiederholte sein Angebot.
„Du siehst nicht allzu gut aus,
Midas, mein alter Freund“, sagte Skulduggery fröhlich. Aus Midas’
Gesicht war alle Farbe gewichen, sogar seine Lippen waren blass.
Skulduggery zuckte mit den Schultern und ging zur Tür.
„Das wirst du bereuen, Skelett.“
Ein Flüstern, doch es verriet Midas’ Zorn. Seine Augen zuckten
hoch, erschreckend blaue Augen, und er sah Skulduggery an.
„Ich denke nicht, dass ich das werde.
Lebwohl!“
Damit gingen sie. Skulduggery setzte
Walküre in der Nähe ihres Hauses ab und fuhr weg. Er hatte eine
seltsame Laune. Trotzdem tat sie es ab. Es war immer noch
Skulduggery.
Später
Walküre wurde von jemandem
wachgerüttelt. Sie schlug der Person ins Gesicht, sie flog
rückwärts. Es gab ein gedämpftes „Umpf“. Walküre kletterte
aus dem Bett und trat vorsichtig näher.
„Fletcher?“
Der Junge sah sie wütend an und
umklammerte seine jetzt blutende Nase.
„Musstest du mich schlagen?“,
zischte er. Walküre zog ihn auf die Füße und seufzte.
„Tut mir Leid, okay? Du hast mich
überrascht“, erklärte sie flüsternd. Fletcher sah sie lange an,
bevor er sie kurz auf die Lippen küsste. Sie lächelte ihn an.
„Hör zu, so sehr ich auch den
Anblick genieße, du musst dich anziehen. Skulduggery hat mich
geschickt, um dich zu holen.“
Walküre blinzelte, sah an sich
herunter und bemerkte, dass sie Boxershorts und ein Tanktop trug.
„Äh, gut, aber verschwinde für ein
paar Minuten, okay?“ Fletcher nickte und verschwand.
Sie tauchten im Hinterzimmer von
Grässlichs Laden wieder auf. Tanith stand in der Ecke und sah aus,
als wäre sie noch im Halbschlaf. Grässlich saß Skulduggery
gegenüber, beide waren still.
„Hey Wally“, gähnte Tanith.
Walküre grinste sie an, doch bevor sie etwas sagen konnte, wurde sie
von Skulduggery unterbrochen.
„Es scheint, unser Freund, Midas
Amour, hat vorhin die Wahrheit gesagt. Sein Leben ist in Gefahr
gewesen.“
„Oh, was ist passiert?“, fragte
Walküre, obwohl sie es schon ahnte.
„Er ist tot. China hat es uns vor
einer Stunde am Telefon erzählt. Sie will, dass wir ermitteln.“
Kapitel 2 am nächsten Freitag!
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